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Prozesskunst


Gesellschaft als Komposition

Seit mehr als eine Dekade arbeitet de Martin mit Menschen verschiedener Generationen und sozialer Milieus – mit Jugendlichen ebenso wie mit Rentnerinnen, mit ehemaligen Bürgern der DDR, internationalen Diplomaten und höheren Offizieren, mit Ärztinnen, Therapeutinnen, Wissenschaftlerinnen, Simultandolmetschern der UN, Schriftstellerinnen und Philosophen. Zu seinen Projektpartnern zählten Landarbeiter, Jäger und Gärtner ebenso wie katholische Pfarrer und Priester der orthodoxen Kirche, Mitarbeitende sozialer Einrichtungen sowie Menschen mit psychischen und physischen Erkrankungen.

Auch die Schauplätze dieser künstlerischen Prozesse spannen einen weiten Bogen – von den Machtzentren internationaler Politik im UN-Hauptquartier über das Berliner Plattenbauquartier Marzahn und eine psychiatrische Klinik bis hin zu einem Waisenhaus im Slum am Stadtrand von Nairobi.

Aus dieser Vielstimmigkeit entwickelt de Martin eine partizipatorisch-sequenzierte Kompositionspraxis, die soziale Differenz nicht einebnet, sondern modellhaft orchestriert. In bewusster Weiterführung der von Joseph Beuys formulierten Idee der „sozialen Plastik“ begreift er Gesellschaft dabei als immer wieder neu ausgehandelte Praxis – als ein offenes Gefüge, das sich fortwährend verändert und revidiert. Ein Ende dieses Prozesses ist auch in der Kunst nicht vorgesehen.


Arbeiten und Entwicklungen (2011-2024)

Seit seinem Masterstudium „Contemporary Arts Practice“ an der HKB Bern (2009-11) erweitert Maurice de Martin seine Arbeit in Richtung Klang-, Installations- und Prozesskunst. Seine Projekte entstehen bewusst außerhalb konventioneller (Hoch)Kulturformate und suchen Konstellationen, die als unwahrscheinlich gelten: Kooperationen zwischen Gruppierungen, deren Zusammenarbeit institutionell, sozial oder strukturell eigentlich nicht vorgesehen ist.

Seine Praxis bewegt sich dabei nahe an künstlerischer Forschung. In der Schweiz arbeitete er im Rahmen eines HKB-Projekts zur „Situation der Autorschaft in der Musik“ (2010-11), in Österreich war er Mitglied des FWF-Forschungsprojekts Andere Räume – Knowledge through Art (2011-15). Kunst erscheint hier als eigenständige Form der Erkenntnisproduktion.

Im internationalen Langzeitprojekt UNKNOWN SPACES (2011–2016, gemeinsam mit Janina Janke) arbeitete de Martin in den vier Hauptquartieren der Vereinten Nationen – Wien, Genf, Nairobi und New York – mit UN-Mitarbeitenden und untersuchte die Stellung des Individuums innerhalb komplexer institutioneller Strukturen.

Mit Projekten wie C-Zone (BMW-Guggenheim Lab 2012), Maurice ist da!, der Temporären Kunstakademie Marzahn und dem Unholdt-Forum initiierte er von 2012 bis 2016 in Kooperation mit der Galerie M langfristige Kooperationen mit Bürgerinnen der Plattenbausiedlung Berlin-Marzahn. Im Zentrum dieser Arbeit stand die Frage nach Wert und Funktion von Kunst unter sich wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen – ebenso wie die Auseinandersetzung mit der Differenz zwischen Kunst und Kultur, die insbesondere im "Unholdt-Forum" auf reflektiert wurde.

Mit der Sommerakademie@Häselburg und dem Folgeprojekt Gera2025? verlagerte sich diese Praxis ab 2017 bewusst vom geschützten Sozialraum in eine offen geführte Arena. Die künstlerische Arbeit in der thüringischen Kleinstadt Gera reagierte auf gesellschaftliche Polarisierungen innerhalb der Bürgerschaft und suchte bewusst die Auseinandersetzung – in Kooperation mit Akteurinnen aus politisch unterschiedlichsten Aktionsräumen und, für de Martin erstmals, unter Einbezug von Menschen mit psychischen und physischen Dispositionen.

Im hybriden Projekt zwischen Musik und Prozesskunst "Just Intonation" (2018–2019) entwickelten knapp 100 Patientinnen und Mitarbeitende einer psychiatrischen Klinik eigene Partituren, die unter ihrer Leitung von Ärztinnen und professionellen Musikerinnen aufgeführt wurden. In diesem installativen, zugleich musiktheatralen Modell wurden gewohnte Rollen bewusst verkehrt: Patientinnen übernahmen die künstlerische Autorschaft und „dirigierten“ jene, die im Alltag ihr Betreuungspersonal sind. So entstand ein unerwarteter Erfahrungsraum, in dem Menschen in psychiatrischer Behandlung sich als Autorinnen ihres eigenen Handelns erleben konnten, während das behandelnde Personal eine ungewohnte Perspektive einnahm und die eigenen Rollenbilder reflektierte. Das Projekt wurde wissenschaftlich begleitet und analysiert.

Während der Corona-Pandemie (2020-21) leitete Maurice de Martin das remote Projekt "RADIO INSTANTOPIA": eine achtmonatige Medienkunst-Werkstatt mit jungen Künstlern aus Kaliningrad und Berlin.

Zwei sehr unterschiedliche Teams, die sich physisch nie begegneten, entwickelten einen intensiven gemeinsamen Arbeitsprozess. Der "Instant-Topos" entstand als imaginärer Ort online-offline-between the lines – ein Beispiel für Zeitdesign unter Bedingungen der physisch-räumlichen Unmöglichkeit. (2019-20) Das Projekt wurde gefördert von der Bundesbeauftragten für Kultur und die Medien.

Für ein weiteres hybrides Projekt Landfrauenband (2023–24) entwickelte de Martin ein partizipatives Format, das Frauen unterschiedlicher Generationen aus dem ländlichen Raum über einen Zeitraum von drei Monaten zusammenführte. Das künstlerische Experiment verband selbstentwickelte Musikpraxis mit Empowerment, kollektiver Autorschaft und sozialer Intervention – und eröffnete einen Raum, in dem ästhetische Produktion und gemeinschaftliche Selbstermächtigung untrennbar ineinandergreifen.

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